Pensionierung - Ruhestand neu denken

Über eine Million Menschen erreichen in den nächsten zehn Jahren das Rentenalter – eine Generation, die jahrzehntelang das Rückgrat von Wirtschaft, Verwaltung und Gesundheitswesen bildete. Laut Bundesamt für Statistik entfielen 2024 auf 100 Erwerbspersonen im Alter von 20 bis 64 Jahren 37,4 Personen ab 65 Jahren, 2014 lag der Prozentsatz noch bei 33,5%. Die voranschreitende Verschiebung verändert das Gefüge der Arbeitswelt tiefgreifend. Am 18. September 2025 und am 24. Oktober 2025 sind jeweils ein Seminar für Arbeitgeber und ein Seminar für Arbeitnehmende zum Thema Ruhestand geplant (Informationen und Anmeldung siehe unten). Wir haben die zwei Expertinnen gebeten, uns jeweils fünf Fragen zum Thema Pensionierung zu beantworten.

Fünf Fragen an

Tanja Sala, HR Interim Manager bei HR Andrist GmbH (HR-Outsourcing) in Reinach BL. Über 20 Jahre umfangreiche Erfahrung als Führungskraft im strategischen und operativen HR-Bereich in den Branchen Chemie, Industrie, Handel und der Öffentlichen Verwaltung. Nebst Payroll, Sozialversicherungen und Administration, auch langjährige Erfahrung in Organisations- und Personalentwicklung, Change-Management und Coaching sowie der Leitung von Digitalisierungsprojekten.

Wie gut sind Schweizer Unternehmen heute auf die Pensionierungswelle vorbereitet – und wo sehen Sie den grössten Handlungsbedarf?

Viele Schweizer Unternehmen sind sich der Pensionierungswelle bewusst, jedoch oft noch nicht ausreichend vorbereitet. Der grösste Handlungsbedarf liegt in der frühzeitigen Planung, dem aktiven Führen von Gesprächen mit betroffenen Mitarbeitenden sowie mit potenziellen Nachfolgerinnen und Nachfolgern. So kann der Wissenstransfer gesichert, die Nachfolge gezielt aufgebaut und gleichzeitig die Mitarbeiterbindung gestärkt werden. Eine offene Kommunikation schafft Vertrauen und ermöglicht eine nachhaltige Übergabe.

 

Welche Risiken birgt es für Unternehmen, wenn Wissensträgerinnen und Wissensträger ohne strukturierte Übergabe in den Ruhestand gehen?

Wenn diese Personen ohne strukturierte Übergabe in den Ruhestand gehen, besteht das Risiko eines erheblichen Know-how-Verlusts. Kritische Fachkenntnisse, Erfahrungswerte und interne Netzwerke gehen verloren – mit Auswirkungen auf Qualität, Effizienz und Einarbeitungszeiten. Ohne frühzeitige Übergabe sinkt zudem die Chance, internes Potenzial gezielt aufzubauen oder extern geeignete Nachfolgerinnen und Nachfolger zu rekrutieren. Das wirkt sich negativ auf Kontinuität, Innovation und Wettbewerbsfähigkeit aus – und schwächt auch die Arbeitgeberattraktivität, da das Unternehmen für zukünftige Mitarbeitende weniger attraktiv erscheint.

 

Was sind aus Ihrer Sicht erfolgreiche Modelle, um ältere Mitarbeitende länger zu binden oder ihr Wissen sinnvoll zu sichern?

Erfolgreiche Modelle zur Bindung älterer Mitarbeitender setzen auf Flexibilität, Wertschätzung und gezielte Einbindung. Teilzeitmodelle, gleitende Übergänge in die Pension, Mentoring-Programme oder projektbezogene Einsätze nach der Pensionierung haben sich bewährt. Gleichzeitig bietet die Zusammenarbeit zwischen Generationen grosse Chancen: Ältere Mitarbeitende bringen Erfahrung und Wissen ein, Jüngere neue Perspektiven und digitale Kompetenzen. Unternehmen, die diesen generationenübergreifenden Dialog und Diversität aktiv fördern, sichern nicht nur ihr Know-how, sondern steigern auch ihre Innovationskraft und Attraktivität als Arbeitgeber.

 
Wie kann der Abschied vom Berufsleben menschlich und wertschätzend gestaltet werden – auch unter wirtschaftlichem Druck?

Ein menschlicher und wertschätzender Abschied ist auch unter wirtschaftlichem Druck möglich – durch offene Kommunikation, persönliche Anerkennung und frühzeitige Einbindung der betroffenen Mitarbeitenden. Arbeitgeber können den Prozess unterstützen, etwa durch die Ermöglichung von Vorbereitungsseminaren, in denen Themen wie Frühpensionierung oder Rentenaufschub reflektiert werden. Solche Angebote fördern eine bewusste und selbstbestimmte Auseinandersetzung mit dem nächsten Lebensabschnitt. Wertschätzung zeigt sich dabei nicht nur im finanziellen Rahmen, sondern vor allem in der Haltung und im individuellen Umgang. Das stärkt die Loyalität und wirkt sich positiv auf die Arbeitgeberattraktivität aus – sowohl intern als auch extern.

 

Inwiefern verändert der demografische Wandel die Rolle der Personalabteilungen in der Schweiz nachhaltig?

Der demografische Wandel macht HR zunehmend zum strategischen Partner der Unternehmensführung. Im Fokus stehen vorausschauende Personalplanung, Nachfolgegestaltung, systematischer Wissenserhalt und gezielte Talentgewinnung – auch international und durch neue Zielgruppen, um dem Fachkräftemangel zu begegnen. Altersdiverse Teams, generationenübergreifende Zusammenarbeit, lebenslanges Lernen sowie individuelle Laufbahnmodelle gewinnen an Bedeutung. Flexible Arbeitsmodelle und eine inklusive Unternehmenskultur stärken die Mitarbeiterbindung. 
Der digitale Wandel wirkt als Enabler: Standardisierte und automatisierte HR-Prozesse schaffen Freiräume für strategische Themen wie Personal-, Organisationsentwicklung, Talentmanagement, Nachfolgeplanung etc. HR entwickelt sich vom Dienstleister zum Business Partner und wird zur treibenden Kraft für Zukunftsfähigkeit und Transformation.

Fünf Fragen an

Ulrike Bantle, Coachin für Karrieremanagement. Sie begleitet seit über 25 Jahren Menschen durch alle Phasen ihres Berufslebens – vom Einstieg bis zur Pensionierung. Ihr Fokus liegt auf bewusster Reflexion und aktiver Gestaltung jeder Lebens- und Berufsphase, um Zufriedenheit, Handlungskompetenz und Resilienz zu fördern – besonders auch im Übergang zur Pensionierung.

Nach leitenden Positionen in der Tourismuswirtschaft auf lokaler und nationaler Ebene wechselte sie 2012 in die Karriereberatung und das Outplacement. Seit 2019 ist sie selbstständig tätig – in Seminaren und Einzelcoachings, sowohl vor Ort als auch online.

Viele sehen den Ruhestand als Befreiung – gleichzeitig erleben einige Pensionierte Orientierungslosigkeit. Wie lässt sich das erklären?

Das lässt sich dadurch erklären, dass der Übergang in den Ruhestand oft mit positiven Erwartungen wie Freiheit und Selbstbestimmung verbunden ist. Allerdings fehlt häufig eine klare Struktur oder ein neues Ziel, was zu Orientierungslosigkeit führen kann. Zudem ist die Identifikation mit der beruflichen Rolle oft stark, und wenn diese wegfällt, kann das Gefühl der Sinnhaftigkeit schwinden. Eine bewusste Vorbereitung auf den Übergang, inklusive der Entwicklung neuer Aktivitäten und Rollen, helfen kann, diese Orientierungslosigkeit zu vermeiden.

 

Was brauchen Menschen emotional, um gut in den Ruhestand überzutreten – und was wird in der Schweiz oft übersehen?

Emotional brauchen Menschen vor allem Sicherheit, Anerkennung und das Gefühl, weiterhin wertvoll zu sein. Sie möchten ihre Identität auch ausserhalb des Berufs aufbauen und neue Rollen finden. Oft wird in der Schweiz übersehen, dass die soziale und emotionale Unterstützung, z.B. durch Familie, Freunde oder Gemeinschaften, entscheidend ist. Auch die Bedeutung von Sinnstiftung und das Gefühl, weiterhin aktiv und eingebunden zu sein, werden manchmal unterschätzt.

 

Wie wichtig ist der Faktor Anerkennung für eine gelungene Pensionierung – und wie kann er auch über das Arbeitsverhältnis hinaus wirken?

Anerkennung ist zentral, weil sie das Selbstwertgefühl stärkt und das Gefühl vermittelt, wertgeschätzt zu werden. Für eine gelungene Pensionierung trägt sie dazu bei, die eigene Lebensleistung positiv zu bewerten. Über das Arbeitsverhältnis hinaus kann Anerkennung durch soziale Kontakte, ehrenamtliches Engagement oder gesellschaftliche Wertschätzung wirken. Das stärkt das Selbstbewusstsein und fördert die soziale Integration im neuen Lebensabschnitt.

 

Welche Rolle spielt gesellschaftliche Teilhabe im dritten Lebensabschnitt – und wie können Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber dazu beitragen?

Gesellschaftliche Teilhabe ist essenziell, um Isolation zu vermeiden, das Selbstwertgefühl zu fördern und das Gefühl der Zugehörigkeit zu stärken. Sie trägt dazu bei, den Alltag sinnvoll zu gestalten und neue soziale Kontakte zu knüpfen. Arbeitgeberinnen und Arbeitbeber können dazu beitragen, indem sie Übergangsmodelle anbieten, z.B. durch flexible Arbeitszeiten, Mentoring-Programme oder Unterstützung bei ehrenamtlichem Engagement. Auch die Förderung von Netzwerken und Weiterbildungsangeboten für ältere Mitarbeitende ist hilfreich.

 

Welche Unterstützungsmöglichkeiten oder Begleitangebote würden Sie sich für Arbeitnehmende in der Übergangsphase wünschen?

Als umfassende Begleitangebote wünsche ich vor allem den zukünftigen Pensionierten, die individuelle Beratung: Coaching und Mentoring ohne Stigmatisierung auch während des Beginns der Pensionierungszeit. Zudem wären Programme zur Entwicklung neuer Rollen, Aktivitäten und sozialer Netzwerke sinnvoll. Auch Angebote zur finanziellen Planung, Gesundheitsförderung und psychologischer Unterstützung über den Zeitpunkt der Pensionierung hinaus könnten den Übergang erleichtern. Wichtig ist in jedem Fall eine frühzeitige und kontinuierliche Begleitung, um den Übergang bewusst zu gestalten und die persönliche Zufriedenheit im neuen Lebensabschnitt zu fördern. Es könnte zum Beispiel auch im Rahmen der Präventivarbeit für emotionale Gesundheit als freiwillige Programme der Krankenkassen angeboten werden.